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Statements und Resolutionen

Dezember 2011

Wer sind hier eigentlich die Profis? Zur Notwendigkeit von Kooperation zwischen Sucht-Selbsthilfe und beruflicher Suchthilfe

Rainer Breuninger, Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, Landesverband Württemberg e. V.

Ich stehe hier als Geschäftsführer der Freundeskreise in Württemberg sowie als Delegierter der BWAG. Im folgenden stelle ich dar, was ich in gut 16 Jahren über die Selbsthilfe (SH) sowie über Kooperation gelernt habe.

I. Kriterien der Kooperation

„Wer sind hier eigentlich die Profis ... zur Notwendigkeit von Kooperation ...“
Vermutlich sind wir uns einig, dass Kooperation notwendig ist, um betroffenen Menschen optimal helfen zu können. Anstatt auf ein „Pro & Kontra“ konzentriere ich mich also auf Kriterien dieser Kooperation.
Doch wie steht es um die Frage, wer hier eigentlich die Profis sind?
Meine Antwort: Beide Seiten sind DIE Profis, nämlich jeder in seiner Disziplin.
Wenn ehrenamtliche SH und hauptamtliche Suchthilfe in Rivalität geraten, dann haben sie etwas nicht verstanden. Denn es braucht keine Rivalität, sondern Ergänzung. Und wenn diese einmal gelingt, mag man sichs „ohne den andern“ nicht mehr vorstellen.

1. Kriterium: Wer kooperieren will, muss seine eigenen Möglichkeiten und Begrenzungen kennen. Unter vier Überschriften stelle ich Suchthilfe und SH in wenigen Stichworten gegenüber:

   1. Persönlicher Zugang & Motivation:

  • Suchthilfe: Beruf & Lebensunterhalt; evtl. eine persönlich verstandene „Berufung“; Theoriewissen & Ausbildungskompetenz.
  • SH: Betroffenheit; zuerst Erfahrungswissen, danach Weiterbildungen; Wunsch & Ziel der Abstinenz; als Gleicher unter Gleichen; Dankbarkeit, d. h. die selbst erfahrene Hilfe weitergeben.

    2. Auftraggeber, Aufgabenstellung & Ziele:

  • Suchthilfe: Dienstgeber definiert Aufgaben & Ziele; Angebot von Dienstleistungen; Anspruch „Professionalität“.
  • SH ist ihr eigener Auftraggeber, ist niemand anderem als sich selbst verpflichtet; Anspruch „Beziehung muss stimmen“, Sanitäterfunktion „Erste Hilfe“; Angebot einer zeitlich unbefristeten Begleitung „Nachsorge“.

    3. Besondere Stärken

  • Suchthilfe: Außenschau, persönliche Distanz & gelassener Umgang mit Suchtthemen; erlernte Profession.
  • SH: Innenschau durch Betroffenheit; erlebte Profession; Prämisse Abstinenz; Bekenntnis zur Krankheit; Einbeziehung der Angehörigen; Aufbau suchtmittelfreier sozialer Netze.

    4. Rahmenbedingungen

  • Suchthilfe: Trennung von Beruf und Privatleben; Dienstzeiten mit definierter Erreichbarkeit; Haushaltspläne, politische Vorgaben, Belegungs- & Erfolgszahlen; Kommstruktur, Konzeptentwicklung vor Aktivitäten.
  • SH: Schwimmende Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, oftmals betriebliche Suchthilfe; finanzieller Aufwand oftmals privat bestritten; Gehstruktur & Hausbesuche; Bedarf bestimmt Aktivitäten, Konzepte werden hinterher geschrieben.

Die SH kooperiert um der eigenen Abstinenz und um der betroffenen Menschen willen. SO die Zielsetzung der SH. Wie aber steht es um Motivation und Ziele der Fachdienste?

2. Kriterium: Klärung der Ziele der Kooperationspartner
Kooperieren wir tatsächlich immer um der optimalen Hilfe willen für die betroffenen Menschen? Natürlich gibt es das, Gott sei Dank. Doch manchmal frage ich mich, ob dies immer oberste Prämisse für die Veränderungen vergangener Jahre war oder ob manch fachliche Argumentation nur wirtschaftliche Argumente kaschieren musste?!
Fehlende Ressourcen zwingen die Fachdienste heute, mehr mit der SH zu kooperieren. Ich mutmaße, dass bei plötzlich ausreichenden Finanzen manche Kooperation schnell zu Ende wäre, denn gute Kooperation macht Arbeit, sie ist kein zufälliges Nebenprodukt.

3. Kriterium:Kommunikation am gemeinsamen Tisch
Bis 2005 wurde unser Geschäftsstellenteam zu 100 % vom Diakonischen Werk Württemberg (DWW) finanziert und den Freundeskreisen zur Verfügung gestellt. Bald geriet ich zwischen die Fronten und begriff, dass es mich da entweder zerreiben oder ich zur Brücke werden würde. Doch bis letzteres gelang, gab es manche Lektion zu lernen. Zunächst versuchten beide Seiten, ihre Bedürfnisse über mich zu transportieren und ich bekam auch die Hiebe von beiden Seiten, bis mein Supervisor meinte: „Bring die beiden an einen Tisch.“ DAS war der Beginn direkter Gespräche und es wuchs eine Kooperation, die von beidseitiger Wertschätzung geprägt war und bis heute ist.

4. Kriterium: Wir müssen unterscheiden, von welchem Standpunkt aus wir eine Fragestellung anpacken

Die Ausschreibung dieser Veranstaltung war eine Steilvorlage. Da heißt es:

1. Wie viel SH braucht die Suchthilfe, damit die Hilfesuchenden optimal versorgt werden?

2. Was kann die SH, was nicht? Und geht es völlig ohne die Anbindung an die professionelle 
    Suchthilfe?

3. Brauchen junge Menschen eine junge SH?

4. Welche Rolle spielt die Sucht-SH als Wirtschaftsfaktor?

5. Kann man Qualitätsstandards in die SH einführen?

Hätte ich bei den Freundeskreisen solche Fragen gestellt, hätte ich zu hören bekommen „SO kann nur ein Hauptamtlicher fragen! Du musst noch viel lernen ...“ Ich beantworte diese Fragen aus Sicht der SH:
Zu Frage 1: Für mich geht es vielmehr darum, wie viel SH die Betroffenen benötigen, um ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. O-Ton eines Kollegen aus dem stationären Bereich: „Ich tu mich als Therapeut viel leichter, wenn der Patient vorher schon in der SH war. Er hat mehr Krankheitseinsicht, mehr Motivation, mehr Gruppenerfahrung. Und hinterher lässt er sich leichter wieder in die SH vermitteln.“ Prognostisch gesehen ist DIESER Patient also eindeutig im Vorteil.

Zu Frage 2: Die SH kann das, was ihre Mitglieder können und einbringen. Mehr kann sie nicht und mehr muss sie nicht können. Denn SH bedeutet: Ärmel hochkrempeln, Verantwortung für sein Leben übernehmen und das Beste aus der gegebenen Situation machen.

Zur Frage, ob es völlig ohne die Anbindung an die berufliche Suchthilfe geht: Also wenn’s um SEIN oder NICHTSEIN geht, funktioniert die SH auch unabhängig von den Hauptamtlichen, nämlich so lange wie Menschen Verantwortung für ihr Leben übernehmen und sich dazu mit Gleichgesinnten zusammen schließen. SO waren die Freundeskreise gestartet, SO funktioniert das heute noch. Der Unterschied aber – ob mit oder ohne – liegt in der Qualität, denn ohne Unterstützung der Hauptamtlichen könnten wir unser fachliches Niveau nicht halten.

5. Kriterium: Kooperation hat mit Beziehung und Vertrauen zu tun
Am Beispiel der Frage 3: Die jungen Menschen brauchen eine junge SH, doch auch die Anbindung an die etablierte SH mit ihrer Erfahrung, Verlässlichkeit und Kompetenz, um mit deren Unterstützung ihren altersgemäßen Weg finden zu können. Die etablierte SH sollte ihre Ressourcen ohne Bedingungen zur Verfügung stellen i. S. v. „Wir unterstützen euch, also legt los und macht euer Ding. Wir stellen euch Experimentier- und Spielräume zur Verfügung, wo Begegnung und Beziehung möglich wird. Und ihr ruft ab, was ihr davon braucht.“

Beziehung und Vertrauen hat mit einem sensiblen Gleichgewicht zu tun. Sie benötigt regelmäßigen Austausch über beidseitig aktuelle Entwicklungen. Sie braucht Zeit zum wachsen – auf jeder Ebene. Und Handlungsbedarf entsteht bei der SH nicht aus den Bedarfsmeldungen der Hauptamtlichen, sondern aus dem, was aus der eigenen Basis heraus wächst.

Zu Frage 4: Von der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg (DRV BW) weiß ich, dass EIN in die SH investierter Euro FÜNF Euros zurück bringt: Eine tolle Relation von Investition und Ertrag. Weiterhin wissen wir, dass 80 % derer, die regelmäßig an einer SH-Gruppe teilnehmen, langfristig stabil abstinent leben. Dies ist zugleich die beste Voraussetzung für soziale Reha, für neu gelingendes Familienleben, für die Suchtprävention der Kinder dieser Familien, für berufliche Reha, für eine Entlastung des Gesundheitswesens, für regelmäßige Rentenversicherungsbeiträge und für ein gesundheitspolitisches Bewusstsein in der Bevölkerung, das wir ohne die SH SO nicht hätten. Den Gewinn hat also nicht nur der Rehabilitant, sondern alle Systeme, in die er eingebunden ist.

II. Qualitätsmerkmale der SH

Zu Frage 5: Das kommt auf das Selbstverständnis der betreffenden SH-Gruppierung an. Sieht sie sich als verlängerten Arm und Erfüllungsgehilfe der Hauptamtlichen und Fachdienste, dann könnte ein Versuch gelingen. Sieht sie sich als autonome Bewegung mit eigenem Auftrag und eigener Qualifikation, wird sie entweder dieses Ansinnen zurückweisen oder, wenn die Kooperation schon gereift ist, zurückfragen: „Was meint ihr mit Qualitätsstandards, was ist euer Anliegen?“

Ich denke, dass die SH keine Qualitätsstandards braucht, die von hauptamtlicher Seite definiert sind, denn sie gibt sich ihre Qualitätsstandards selbst:

1. Die Beziehungsebene muss stimmen: Wir müssen uns nicht in allem einig sein und wir müssen uns nicht um den Hals fallen, aber gegenseitiger Respekt muss sein. Hubert Seiter, Direktor der DRV BW meinte kürzlich, dass angesichts der zunehmenden Bedeutung technischer Medien die zwischenmenschliche Ebene nicht ersetzt werden kann, denn SH funktioniert nur dort, wo die Menschen sich kennen. DAS kann ich nur unterstreichen.

2. Ehrenamtliches Engagement muss grundsätzlich Freude machen, denn sie ist der seelische Motor allen Engagements. Falls sie verloren gegangen ist, sollte der Betreffende entweder dafür sorgen, dass neue Freude aufkommt oder seine bisherige Aktivität beenden in Verantwortung für sich und die SH-Gemeinschaft.

3. Tue dir selbst, deiner Familie und der SH-Gemeinschaft Gutes: Die Frage ist nicht, ob wir als SH zeitgemäß unterwegs sind – konform mit der öffentlichen Meinung oder Fachwelt gehen – professionell auftreten – viele Fördergelder einwerben – Erwartungen dieser und jener zufrieden stellen. Vielmehr ist entscheidend, was mir und unserer Gruppe gut tut, damit wir die kommenden Jahre gut und abstinent unterwegs sind, zusammen mit den uns anvertrauten Menschen.

4. SH ist eine Erzählkultur, eine ‚Erzählgemeinschaft’ (R. Hüllinghorst)
Das Geheimnis gelingender SH liegt nicht im diskutieren, argumentieren und überzeugen, sondern im gegenseitigen erzählen, was einen beschäftigt: Ich erzähle von mir, du von dir, und jeder nimmt sich daraus, was er brauchen kann. In großer Freiheit und Eigenverantwortung.

Ich bin überzeugt, dass die Beachtung dieser Qualitätsmerkmale für die Zukunft der SH viel entscheidender ist als demografische Entwicklungen, Therapiekonzepte, Finanzsituationen u. a.

III. SH als eigenständige, autonome Bewegung

Damit SH als eigenständige, autonome Bewegung gelingen kann, braucht es ...

1. Klarheit über ihre Ziele: Oberstes Ziel ist: Ich will mit dem Leben wieder zurecht kommen und meinen Arbeitsplatz erhalten. Dann mit meiner Familie wieder zurecht kommen. Alles weitere ist dem nachgeordnet.

2. Reifungsschritte auf beiden Seiten
Die SH-Mitarbeiter haben sich vom „großen Bruder Therapeut“ abgenabelt und begegnen ihm als Repräsentant der SH. Für die Therapeuten geht’s ums Loslassen „Das sind jetzt Vertreter der SH, die mir keine Rechenschaft schuldig sind und die nicht loyal sein müssen.“ Ein Therapeut, der diese Sicht teilt, wird zum Geburtshelfer und nimmt sich Schritt für Schritt zurück.

3. Unterstützung der Fachdienste und Dachverbände
Ohne diese Unterstützung hätten die Freundeskreise sich nicht zu dem entwickeln können, was sie heute sind. Zu Beginn standen die im DWW Verantwortlichen vor der brisanten Frage: „Ist es überhaupt vertretbar, dass man Alkoholikern öffentliche Gelder in die Hand gibt?“ Doch sie waren Visionäre und risikobereit. Als nächsten Schritt stellten sie hauptamtliches Personal an und gaben Dienst- und Fachaufsicht Schritt für Schritt an die SH ab. Diese Visionäre hatten Gottvertrauen und wurden zu Katalysatoren für die Freundeskreise.

4. Ein gesundes Unterscheidungsvermögen von Ehrenamt & SH gegenüber Hauptamt & Fachdiensten
Diese sensible Grenze im Blick zu halten bedeutet, dass ich als Hauptamtlicher mich in den Bereichen zurückhalte, wo SH authentisch vertreten sein muss. Ich kann mit vorbereiten und dabei sein, aber die Leitung liegt bei der SH. Die Gefahr ist sonst, dass SH über hauptamtliche Gesichter definiert wird, wo sie eigene Repräsentanten ins Feld schicken muss. Wenn die SH DAS nicht leisten kann, stößt sie an ihre natürlichen Grenzen.
Wer versucht, diese Grenzen durch hauptamtliche Funktionäre „künstlich“ zu erweitern, verfälscht und schwächt Selbstverständnis und Identität der SH.

IV. Aufgabe der SH-Verbände

ist es, diejenigen zu befähigen und zu ermutigen, die sich in den Dienst nehmen lassen; suchtmittelfreie Räume, hilfreiche Rahmenbedingungen und Weiterbildung anzubieten; zum gesellschaftlichen Problembewusstsein beizutragen sowie weitere Hilfebedürftige zu erreichen. All das gelingt am besten im Miteinander von SH und Suchthilfe.